Gestern Abend hat mich das Fernsehen – und zwar das Öffentlich-rechtliche – gezwungen, dass ich mir eine existenzielle Frage stelle: Wie kann es sein, dass es die Modelleisenbahn eines Politikers in die aktuellen Nachrichten schafft? Und nicht nur dorthin – gibt man den Suchbegriff „Seehhofers Modelleisenbahn“ ein, dann findet Google rasch über 15.000 Treffer. Die ersten davon sind alle aktuell aus den letzten 24 Stunden. Und dabei ist das nicht einmal eine neue Nachricht, dass Seehofer seit Jahren in seinem Keller an einer recht großen Modelleisenbahn bastelt – er macht das ja schließlich bereits seit 1995. Welche Absicht steckt gerade jetzt dahinter, einen immer wieder für Kontroversen und Seitenhiebe bekannten Politiker von seiner – hmm, sagen wir mal – menschlichen Seite zu zeigen? Denn hat es nicht etwas rührendes, wenn man sich vorstellt, dass Horst vielleicht im bequemen Jogginganzug in den Keller geht, um dort nach vermeintlich anstrengenden, zermürbenden Wochen und Monaten des politischen Diskurs, ein wenig Ruhe beim Basteln an seiner Modelleisenbahn zu finden. Oder hat es doch eher etwas Beunruhigendes?


Ich für meinen Teil bin mir da nicht so sicher. Ich will auch überhaupt nicht die Debatte darüber eröffnen, was ein solches Hobby über Horst Seehofer psychologisch auszusagen vermag. Ich frage mich schlicht und ergreifend, was hat das in den Nachrichten zu suchen? Als Home Story für die Bunte – ja, wunderbar, am besten zur Weihnachtszeit, dann kann Horst uns auch gerne noch ein paar Geschenke- und Plätzchen-Tipps geben. Vielleicht entgeht mir bei dieser Story auch der wahre Inhalt? Vielleicht war es eine unheimlich raffinierte PR-Aktion des Modelleisenbahnherstellers, sich zur Primetime einen Beitrag zu sichern. Wenn ja, dann weiß ich nicht, ob diese Aktion so gelungen war, denn ich konnte nicht erkennen, wer der Hersteller ist. Eventuell aber war es auch eine PR-Aktion von Playmobil, denn schließlich war eine Figur, die angeblich Angela Merkel repräsentieren sollte – wirklich in einer Großaufnahme zu sehen. Nein, ich will auch an dieser Stelle nicht darauf eingehen, was es über Horst Seehofer aussagt, dass er in seinem Keller eine Playmobilfigur hat, die für ihn Angela Merkel darstellt. Ganz zu schweigen davon, dass er dazu noch eine Miniatur von Sigmar Gabriel hat. Zumindest konnte ich im Bericht an den Figuren noch keine Nadeleinstiche erkennen, wie sie bei Voodoo-Puppen üblich wären. Aber vielleicht sollte das auch die Botschaft des Berichts sein – eine Warnung an alle, sich nicht mit Horst Seehofer anzulegen, denn sonst landet man als Miniatur in seinem Keller und muss auf dem Abstellgleis der Dinge harren?
Wie dem auch sei, in meinem Keller befinden sich neben einer professionellen Großcamping-Ausrüstung einfach ein paar gute Falschen Wein. Eine davon werde ich heute aber bei der Tagesschau sicherheitshalber mal aufmachen, man weiß ja nie, in wessen Keller man als nächstes Blicken muss.